Holocaust-Gedenktag: Ein Ausflug in die Neue Synagoge Berlin
Die Neue Synagoge in Berlin; Foto von Janus Redecker, Flugblatt

Holocaust-Gedenktag: Ein Ausflug in die Neue Synagoge Berlin

Ein Besuch der 8. Klassen an einem geschichtsträchtigen

 Dienstag, 27. Januar. Ein kalter, bewölkter Wintertag. In der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte herrscht Stille. Ein paar Autos ziehen an mir vorbei und lassen die breite Straße hinter sich. Der Bürgersteig ist verwaist. In dieser Lautlosigkeit ist es unvorstellbar, dass diese Straße vor fast neun Jahrzehnten zentraler Ort der Verfolgung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten war.                                                           

1938 wurde die dortige Neue Synagoge in der Reichspogromnacht angezündet. Wilhelm Krützfeld, Reviervorsteher des nahe gelegenen Polizeireviers 16, trat den Brandstiftern entgegen, verwies auf den Denkmalschutz und alarmierte anschließend die Feuerwehr. Durch sein Eingreifen wurde die vollständige Zerstörung der Synagoge womöglich abgewendet. Das Gesamtarchiv der deutschen Juden wurde von der Wehrmacht als Bezugsquelle zur Judenverfolgung missbraucht. Im April 1940 beschlagnahmte die Wehrmacht das Gebäude und nutzte es als Lager für Textilien und Lederwaren. Zum Schutz vor Fliegerbomben wurde die goldene Kuppel grau gestrichen. Doch in der Nacht zum 23. November 1943 erlitt die Synagoge schwere Schäden und die Haupt-Synagoge wurde fast vollständig zerstört. Gerade deshalb dient sie heutzutage als Ort des Erinnerns und der Aufklärung.                        

Auch unsere Schule gedenkt an die schrecklichen Gräueltaten des Nationalsozialismus. Deshalb unternahmen alle Klassen am Lilienthal-Gymnasium einen Ausflug, der als Gedenken und als Aufarbeitung an die Verbrechen diente.                                                                                                 

Die Klassen 8.3 und 8.1 besuchten die Neue Synagoge in Berlin und das Centrum Judaicum, erhielten eine Führung und nahmen im Anschluss an einem Workshop teil.                                                                        

Nach unserer Ankunft hieß es erst einmal: warten. Denn wer eine Synagoge betreten will, muss zuerst Sicherheitskontrollen wie am Flughafen passieren. Millimeterwellen-Scanner, Röntgengerät - danach waren wir im Inneren. Im Aufgang begann schließlich unsere Tour. Die monumentalen Fassaden, Säulen und Säle beeindruckten nachhaltig. Wie unser Guide erklärte, orientierte man sich beim Bau an einer orientalischen Stilrichtung, denn zuvor hatten Juden bei der Ausgestaltung der Alten Synagoge in der Rosenstraße - heutzutage nur noch ein Denkmal, das an die Zerstörung durch Bomben im zweiten Weltkrieg erinnert - kein Mitbestimmungsrecht gehabt. Diese Baurichtungen spiegeln sich in den maurischen Hufeisenbögen, den filigranen Ornamenten, den Terakotta-Fassaden und natürlich der markanten Kuppel mit vergoldeten Rippen wider. Bei ihrer Eröffnung galt sie als die größte Synagoge Deutschlands und eine der bedeutendsten Europas. Die Vorhalle, ein eindrucksvolles Gewölbe, konfrontierte uns zum zweiten Mal mit dem Leitvers der Synagoge, der uns schon als Inschrift vor dem Gebäude begegnet ist. 

„Tuet auf die Pforten, dass einziehe ein gerechtes Volk, das bewahre die Treue.“

Ursprünglich bezieht sich dieser Vers auf den Einzug des Volkes Israel in den Tempel - er ist ein religiöser Ausdruck. Dieser Psalmvers über dem Portal wirkt heute jedoch wie ein stilles Bekenntnis zu Glaubenstreue und Gemeinschaft. Gerade angesichts der Geschichte des Hauses erhält er eine beinahe programmatische Bedeutung. Die „Pforten“ wurden einst gewaltsam verschlossen - und doch steht die Synagoge heute wieder als Ort des Gebets, der Erinnerung und der Zusammenkunft offen.         Weiter ging die Führung mit dem ehemaligen Vestibül der Männer und der Vorsynagoge, in der uns sakrale Kultgegenstände wie die Menora oder der Ner Tamid gezeigt wurden. Bei den Ausgrabungen nach dem Krieg stieß man im Mauerwerk auf Überreste religiöser Gegenstände. Unter den Funden befanden sich auch Fragmente des Ner Tamid, des „ewigen Lichtes“. Eine weitere Tat, die die Entweihung des Ortes durch die Nationalsozialisten verdeutlicht.                                                                      

Während der Bombardierungen ist der Hauptgebetsraum schwer getroffen worden. Die große Kuppelhalle brannte aus und wurde weitestgehend zerstört. Heute befindet sich an der Stelle eine Freifläche; lediglich ein Modell veranschaulicht die ursprüngliche Dimension.                    

Die Synagoge besitzt jedoch auch einen modernen Gebetsraum, wenn auch in kleiner Ausführung. Er erfüllt weiterhin seinen religiösen Zweck. Auch in reduzierter Form bleibt die Synagoge ein lebendiger Ort jüdischen Glaubens.                                                                                            

Im anschließenden Workshop setzten wir uns schließlich selbst mit der Frage auseinander, wie ein Gotteshaus aussehen kann: In kleinen Modellen gestalteten wir unsere eigenen Entwürfe.                                           

Der Besuch zeigte, dass Erinnerung nicht nur im Bewahren der Vergangenheit besteht, sondern auch im bewussten Weiterdenken für die Zukunft. Gerade in Zeiten wie heute, in denen demokratische Werte immer häufiger infrage gestellt werden und populistische Parteien an Zuwachs gewinnen, ist es umso wichtiger, an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern. Orte wie die Neue Synagoge erinnern daran, wohin Ausgrenzung, Hass und Gleichgültigkeit führen können.                

Nur zu gerne hätte ich mehr Bilder von der einzigartigen, architektonischen Bauweise und von der Freifläche gemacht, jedoch ist es allen Besuchern untersagt, Fotos im Inneren des Gebäudes anzufertigen. Denn Sicherheit spielt leider immer noch eine wichtige Rolle im Leben aller Juden und Jüdinnen. Nach Angaben der Tagesschau wurden 2024 durchschnittlich fast 24 antisemitische Vorfälle pro Tag registriert.

Quellen: Wikipedia: „Neue Synagoge (Berlin)“, „Wilhelm Krützfeld“, „Reichsprogromnacht“; Website der Neuen Synagoge - Centrum Judaicum; Tagesschau: „Zahl antisemitischer Vorfälle erneut stark gestiegen“